Es war, als ob ein Schleier sich herabsenkte, auf ihn. Und die Welt war bedeckt mit einem schlierigen Grau. Als ob altes Bratfett sich im Waschbecken abgesetzt hatte und Fäden zog - dünne, schlierige, halbdurchsichtige, unberechenbare Schlieren, die die Welt umhüllten, den Menschen einen Lügner schimpften, die Zeit der Regelmäßigkeit beraubten. Und so stand er, ein Sack Ratlosigkeit, Schultern hängender Weise deplatziert, als wollten die Arme gleichzeitig davon und tiefer in die Achselhöhle, sich verstecken in diesem lächerlich fragilen Gelenk. Dabei hatten sie dessen Instabilität längst erkannt - daher der Fluchtversuch. Mit den Schultern war es wie mit der Liebe. Man wollte gern in diese Achselhöhle, das Kugelgelenk fest einrasten lassen, die regelmäßige Wärme spüren, die einem die Backen kitzelt. Und doch - immer sah man durchs dichte Adergewirr das kleine Scheibchen Knorpel, die lächerlich kleine Verbindung von Schulter und Arm, die durch einen falschen Schritt schon riss und anschwoll und - wenn es ganz schlecht lief - abstarb. So wie die Liebe eben abstirbt, wenn man sie klemmt und quetscht und wenn die Geheimnisse aufsteigen und quellen und durch die versteckten Kapillaren rauschen, wie ein Traum, der traurig ist, weil er aufhört und immer und immer aufhört.
Sie hatte ihren Bauch gegen seinen Rücken gepresst, kleine Laute drangen aus ihrer Kehle an sein Ohr und ließen seine stumme Verzweiflung zu einem Fluss werden, der aus großer Höhe durch eine Felswand bricht. Er spürte diesen stummen Dialog seiner erkaltenden Füße und seines Herzens, das fliegen wollte und zugleich den Mangel an passender Ausstattung zu beklagen hatte. Er stand auf, ging durch den dunklen Flur wie ein Dieb, der beschlossen hat, seine eigene Wohnung auszurauben und dann nichts findet, als eine alte Zahnbürste und die Trauer, die aus den Fußbodenleisten aufsteigt. Durch das Badezimmerfenster fiel der asthmatische Hauch einer Straßenlaterne, die sich des Neons schämte. Draußen lärmten Betrunkene und er wusste nicht, ob er sie anschreien oder einer der ihren sein wollte. Manchmal möchte man einen Ort verlassen, der in einem selbst liegt. Und wie ein Kind spürt man die eigene erdrückende Unfähigkeit zur Veränderung. Der Schulhof wird zur Ewigkeit, der innere Ort zum Gefängnis, in das man sich selbst gesperrt hat. Im Spiegel sah er ein wässriges, rotgerändertes Auge, auf dem er gelegen hatte. Die flüchtenden Schultern, den fiebrigen Glanz des Ertrinkenden im Mundwinkel. Er presste das Gesicht gegen den Spiegel, bis es angemessen grau erschien, presste sein Zunge gegen den Spiegel. Er umgriff das Waschbecken, bis er meinte, das Flehen des Porzellans zu vernehmen. Er schlug seinen Kopf arrythmisch gegen den Spiegelrahmen. Er ließ das lächerlich unbesiegbare Gehirn entflammen, die Spannung in seinen Kieferknochen sollte sich entladen wie ein Blitz. Er hörte den tierischen Laut, der sich aus seinem Rachen Weg bahnte, ein weibisches Geräusch, das beinahe stumm, im besten Fall schwach war. Es war wie ein Zittern der Stimmbänder, ein kleines Tremolo, das anhand der allgemeinen Lage Kapitulation signalisieren wollte. Und doch, und doch Erlösung kam nicht. Er wollte, dass es weh tat. Er wollte nur, dass es endlich weh tat, dass man sich auf dem Boden rollen konnte, um Vergebung, um Liebe um sich selbst schreien, nur nicht diesen stummen Oktopus ertragen, der unaussprechlich die Tentakel schwang. Diesen giftigen Stich, dieses Getrenntsein von der Welt, die Schlieren und das Abtreiben, von sich selbst, gegen das nur der Schmerz und die Lächerlichkeit helfen können. Bis zum Morgengrauen saß er und fror, starrte. Embryonisch die Füße bis zum Gesäß gezogen, wie eine zu große Katze auf einem zu kleinen Stuhl. Wie ein Geist, der kein Mensch werden und nicht verschwinden kann. Wie ein altes Stück Pizza im Rinnstein. Wie das unversehrte Etikett eines zersplitterten Einmachglases. Er saß und starrte auf die milchige Sonne, die sich bequemte, die Welt zu wärmen, nur nicht ihn. Nur nicht ihn.
1 Kommentar:
"Es war, als ob ein Schleier sich herabsenkte, auf ihn. Und die Welt war bedeckt mit einem schlierigen Grau."
vs.
"Es war als hätt' der Himmel die Erde still geküsst..."?
(Hat jetzt nichts mit Deinem Text zu tun, ich mag ihn!)
Ich frage mich manchmal (bzw. antworte mir manchmal auf diese Frage, eindeutig, mit "JA!"), ob mensch das Jammertal vor unser aller Haustüre nicht, statt hundertfältig dessen Trübnis zu besingen, romantisieren sollte. In gewisser Weise.
Schläft das Schöne? Oder ignorieren wir alle es nur sträflich?
...verzeih! Ich gerate ins Fabulieren und komme sehr vom Text ab!
Like I said: Ich mag ihn!
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