Nicht dass man es falsch versteht: Die Schuld ist aufgebraucht. Die Werte sind aufgebracuht. Aus der Feststellung: Und wer soll das entscheiden, was das Gute, das Richtige ist erwächst die Beliebigkeit. Und jeder noch so breite Kommentar wird zum Heiligtum auf dem Altar der Meinungsfreiheit. Es gibt das richtige und falsche nicht mehr. Es hat Platz gemacht einer völligen Wertungsfreiheit, einer Enthaltung, die aus Menschenrechten entwächst. Alles schützenswert, würdevoll und ein Maulkorb für die die denken: So ein Blödsinn, gefährlicher Blödsinn. Ist Meinung gleich Mensch? Das Partikularinteresse ist plötzlich zur Doktrin aufgestiegen. Und nun wieder: die übersatten Gesichter in unreflektierter Konsumhörigkeit und wer nicht mitläuft – belächelter Aussätziger. Das wahnsinnig Erwachsene entbrennt nicht mehr, es ist nüchtern und gefügig. Und wer aufschreit, muss gleich ein Che Guevara sein. Man ist Ausgeschlossener, aus der Riege der Wissenden, die alles hinnehmen.
Ich weiß noch, wie Oma mir einmal besorgt über den Kopf strich: Hänseln sie dich, in der Schule? Weil du doch aus dem Osten bist. Da war ich vielleicht sieben. Die anderen wussten gar nichts von einer DDR. Was man später im Geschichtsunterricht aufgeholt hatte artikulierte sich dann so: Die neuen Bundesländern schwächeln deshalb so, weil die Ossis nie gelernt haben, wie man richtig arbeitet. Die hatten ja ihre Jobs sicher. Und jetzt zahlen wir denen auch noch Solidaritätszuschlag.
Das hat mich fasziniert und verstört zugleich. Ich muss immer weinen, wenn ich die Videoaufnahmen vom Mauerfall sehe. Nicht nur wegen dem Ereignis als solchem sondern vor allem, weil auf die tränenheißen Umarmungen zwischen Fremden eine solche Entzweiung folgte, wie es sie vor dem Mauerfall gar nicht gegeben hat.
Gruppengefüge und Wir-Gefühl. Manchmal erzählen mir Bekannte von „so einem Ossi“, den sie irgendwo getroffen haben. Das breite sächsisch oder der Umgangston, das Konsum-eske oder was auch immer die Spezies auszeichnen mag. Dann sag ich leise: Aber eine Ossi bin ich doch auch. Das erschreckt die meisten, aber dann sagen sie: nein, bei dir ist das doch was ganz anderes.
Es gibt noch Gruppierungen. Aber die sind nicht mehr politisch. Ich glaube, heute entscheidet nicht mehr die Herkunft so sehr wie das Konsumverhalten. Welche Musik hörst du? Welche Jeans trägst du? Neue Erkennungsmerkmale. Zweifelhafte, verzweifelte Gruppenbildung, im Übrigen. Die Entgruppung schreitet unaufhaltsam voran, und obwohl das Individuum den Siegeszug auch in den Köpfen feiert und die meisten ohne herausgekehrte Einzigartigkeit gar nicht leben können, so wächst der Drang zur Zugehörigkeit wie eine Krankheit in den dunklen Flecken des Bewusstseins. Der Sinn ist abhanden gekommen (keine Politik, keine Umbrüche) und muss gewaltsam erzeugt werden. Zum Beispiel: Nicht ich finde Musik, die mein Ich illustriert, sondern: Ich erfinde ein Ich, dass sich der musikalischen Strömung angleicht. Ein Musikmäntelchen, das ich mir überstülpe, das mich klassifiziert. Ich gehöre zu einer Gruppe dazu und grenze mich zeitgleich von anderen ab. Ich bin also zugehörig und individuell zugleich.
Das Satt-Sein ist einer der schlimmsten Vorwürfe, die man einem jungen Menschen machen kann. Er führt in eine Sackgasse. Und kommt die Überzeugung nicht natürlich, dass man liebenswert und großartig schon allein durch Anwesenheit sei, und dass man somit einen unsichtbaren Rechtsanspruch und Katalog des Mir-Zustehens mit sich führe, dann kommt sie überhaupt nicht. Das Dilemma einer friedlich aufgewachsenen Generation: Sie hat keine Aufgaben – und das ist der Vorwurf an sie und der Fluch. Keine Generation kommt also ohne Leiden aus: die eine nicht, weil sie Kriegsgräuel und politischen Aufruhr erlebt, die andere nicht, weil sie dem Vorwurf erliegt, ersteres nicht erlebt zu haben und zweitens zu gleichströmig ist, als dass sie lernen könnte, Glück und Unglück mit einer gewissen Erfahrungstiefe zu unterscheiden. Die Leidenslosigkeit, Jahrhunderte lang angestrebte, führt also wiederum zum Leiden.
Freitag, 20. Februar 2009
Was verlangen sie von uns? Die ewige Demut? Ewig – die übersatten Gesichter. Und entschuldigen soll man sich, für das geschenkte. Den übervollen Frieden. Da ist man Schuldiger, weil man Hitler nicht mehr auf dem Rücken tragen muss, weil man nicht an der Mauer hat weinen müssen. Und jedes kleine Glück wird zur Anklage. Du – du hast dich nie für etwas eingesetzt… und für was? Für was soll man sich einsetzen? Von Politikverdrossenheit ist da die Rede, dabei ist es doch ungeschriebenes Menschengesetz: Wer nicht in direkter Konfrontation mit dem Absturz steht, der wird Grenzen und Freiheiten nicht abstecken können. Heute lamentieren zehn in Anzügen, und wichtige Schreiberlinge kritzeln akribisch, manchmal bös, versöhnlich, manchmal beflissen eine vierte Gewalt sein. Dem Volk ein Sprachrohr sein. Wer ist das, das Volk? Das Volk steht, Gesicht abgewandt mi’m Rücken zu den Anzügen und spielt Gameboy.
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4 Kommentare:
ich finde es geradezu befremdlich, dass zur zeit niemand auf die straße geht und protestiert, niemand aufschreit in diesem land - wenn man bedenkt was zur zeit passiert. wieso ist das eigentlich so? wirklich nur politikverdrossenheit oder sind wir alle zu fett, zu träge, zu vewöhnt und zu selbstüchtig geworden? ich musste auch heulen, als ich bilder vom mauerfall im fernsehen gesehen habe. ich konnte zum ersten mal meine uroma und tante in potsdam und verwandte in thüringen besuchen. ich fand das gefühl der solidarität unglaublich. was ist davon übrig geblieben? nicht mehr all zuviel, fürchte ich. das liegt aber nicht an einer bestimmten generation, sondern am ganzen land. warum das so ist, weiß ich nicht. vielleicht haben zuviele nicht gelernt, einfach dankbar zu sein und mal nicht nur an sich zu denken.
hey, kaum haste mal frei, schon bahnt sich was luft.
schön zu sehen!
mauerfallbilder sind ne krasse sache. hatte im linguistik-seminar gelegenheit, mit damit nochmal zu beschäftigen. war anfangs hart.
diese zeit der euphorie, der die allgemeine rapide abkühlung folgte (samt sprüngen im kitt) und das individuelle nichts. keine fortsetzung, keine weiterführung, sondern ein schnitt, bruch, auflösung und assimilation. die borg wären stolz gewesen.
wahrscheinlich ein klassischer fall von unaufgedeckten wünschen und beweggründen: man fällt sich jubelnd in die arme, und der überschwang an gefühl und die augenscheinlich gleiche zielsetzung verstellen den blick auf vollkommen unterschiedliche hintergedanken. kennt man ja aus persönlicher erfahrung. wobei dann die frage wäre, wie und ob sich gespräche, die schon zu zweit kompliziert zu führen sind, zwischen zwei völkern austragen ließen.
während die linguistik mir die selbstbespiegelung erlaubte, leistete die literaturwissenschaft ein wenig mehr: texte von ddr-autoren auf west-studenten loszulassen, bringt unter umständen gute ergebnisse in formalen analysen, von verständnis oder einfühlungsvermögen kann nicht die rede sein. (das ist zwar ein globales problem in dieser germanistik, wird hier aber eklatant.) mal ganz zu schweigen von der familiär zu nennenden teilnehmerzahl des seminars.
warum sich keiner mehr die mühe macht, etwas bewegen zu wollen? oder jedenfalls ein so verschwindend geringer anteil, dass es geruhsam abgetan werde kann als ausnahmeerscheinung und milde zu belächelnde verirrung?
vielleicht, weil alles entschieden scheint. weil das gefüge so fest, die verteilung so klar, die richtung so geradlinig. die rollen sind schon lange gefunden, und immer neue generationen verteilen sich nur noch in diese.
zwerge auf den schultern von riesen? firlefanz. nichts als eine wacklige zwergenpyramide, die sich in ihren traditionen verfangen hat.
interessant zu beobachten, wie menschen, die gewillt sind, sich mit diesem system auseinanderzusetzen (was für eine prädisposition das erfordert will ich nicht wagen mir vorzustellen), erst eine lange schule durchlaufen, die sicherstelle, dass sie auch verstehen und begreifen, warum alles gut ist. warum alles sinn macht und genau so bleiben muss.
wer sich die stirn mit traditionen vollkleistert, die auf dem mist der letzten tausend (?) jahre gewachsen sind, kann nur kapitulieren. und dann entweder mitspielen, oder sich raushalten.
sogenannte alternative haben heutzutage - soweit ich das verstanden habe - die aufgabe, sich um schulen oder brunnen in afrika zu kümmern. und sich ansonsten die birne wegzuknallen mit drogen welcher art auch immer.
den letzten Absatz möchte ich mir rahmen
ey. gut, dass es sie noch gibt.
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