Als ich die lange Straße überquere, schaue ich ihm plötzlich mitten ins Gesicht. Kerzengrade steht er vor mir und sein Mangel springt mich an wie ein trauriger Tiger, der nur noch Knochen ist, und Augen. Und der so sehr verlangt, das sich ein fiebriger Glanz durch seine Pupillen zieht wie ein Geisterzug. Nur mehr. Nur Hunger. Nur leben. Ich erschrecke nicht und erschrecke dann dass ich nicht erschrecke, was so eine Eigenart ist, von mir. Man mag nicht unterscheiden können, zwischen geprägtem sollen, empfinden sollen, und tatsächlichem empfinden und dann schwankt der Boden unter den Füßen wie ein Schiff, von dem man jederzeit abgleiten könnte. Nein, wollen will man. Und gut sein und die natürlichsten, die angebrachtesten, die erlerntesten Reaktionen zeigen. Und was dann, wenn man nicht kann. Nein.
Also, da steht er, der Tiger, nein, der Mann, der fiebrige Glanz auf Sohlen ganz ohne Plateau. Und wisst ihr, das sind vielleicht anderthalb Sekunden, wie er so angewurzelt vor mir steht, plötzlich, denn ja, ich habe ja nicht aufgepasst, wie ich so die Straße überquere, weil ich an ganz anderes gedacht habe. An ganz anders. An letzten Herbst und November zum Beispiel. Nein, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Und so seh ich ihn an und er sieht mich an und dieser Funke springt auf mich über und er begleitet mich den ganzen Tag, zerfrisst mich, verwüstet mich, zerstört alle Vorstellung von Realität, von Bild, das ganz und gar um mich herum zusammenfällt. Ich kann nur noch diese Gier schmecken und riechen, in jeder meiner Fasern und mit einer Wucht, als habe man es mir unverhofft um die Ohren geschlagen, da tut sich mir dieser Abgrund auf, der besagt: du bist allein. Bist so allein. Und eine entsetzliche Schlucht diese entsetzliche Schlucht in mir, diese gähnende Leere. Die bringt mich um den Verstand. Denn ich kenne sie ja, und dann gelingt es mir doch, sie auszublenden und dann kann ein Mann und ein Blick und diese anderthalb Sekunden, die können mich von den Füßen reißen. So ist das.
Abends sitze ich und starre, starre nur, und dann gehe ich um Schrank und wühle, wühle, bis ich ein altes Telefonbuch finde. Nicht das von diesem Jahr. Ein ganz altes. Ganz schäbiges mit gelben Rändern und Kaffeflecken, weil ich denke, das auch Telefonbücher Charakter haben können, sollen ja – müssen. Und da, unverhofft, da steht: Buchmann-Hain. Und der Name ist mir so klangvoll, so vertraut, weil ich da an Buchen denke, an Wälder und mich fragen muss, kann es einen Buchenhain geben, oder nur Olivenhaine? Aber für mich muss es jeden erdenklichen Hain geben können, alles andere wäre ja undenkbar und so: der Buchenhain. Und Bücher, Berge von Büchern, neue und alte Bücher, mit diesem überwältigenden erdigen süßlich trockenen Kastaniengeruch, Bücher riechen so wunderbar, wenn man einmal die Nase ganz tief in ihre Seiten verbeißt, dann strömt einem dieser zarte, dieser verheißungsvolle Buchgeruch entgegen. Und das war also Buchmann-Hain- Und dann habe ich unvermittelt die Nummer gewählt. Ich weiß nicht, was mich geritten hat. Ich rief Buchmann-Hain an. Wie zwanghaft war das. Ganz zwanghaft. Ganz unwillkürlich und natürlich und am anderen Ende hat sich eine stimme gemeldet, die völlig mit diesem Buchmann-Hain, mit diesem Buchbild und Waldbild und Traumbild verschmolzen ist. Zart und etwas melancholisch und ich in meinem Übereifer, ich stockte, ich war ganz von den Socken. Und da habe ich gefragt. Buchmann-Hain, Herr Buchmann-Hain, gibt es Buchenhaine? Das hab ich mich gefragt, wissen sie. Und da ist erst einmal Stille am anderen ende. Und dann so ein kleines Lachen, dem ein hörbares Lächeln vorangeht. Kennen sie das, wissen sie, dass man sogar Gesichtsausdrücke hören kann. Ein Schweigen sagt so viel. Das glaubt keiner, nein. Will keiner glauben, aber es ist wahr.
Ich weiß nicht, ich denke, wenn es Buchen gibt, dann muss es Buchen-Haine geben, sagt Buchmann-Hain. Und ich lächle und sage, dass ich mir das auch gedacht habe, aber von einem Buchmann-Hain habe ich es mir noch einmal sagen lassen müssen. Und wieder ein kleines Lachen am anderen Ende. Und dann sagt Buchmann-Hain, ja, es ist kalt heute Nacht. Und ich erwidere. Sehr kalt. Die Vögel sind schon alle fortgezogen. Auch Baustellen gibt’s fast keine mehr. Sagt Buchmann-Hain. Nein, auch die nicht, sage ich. Kein Hausbau, nein. Es ist ein früher Winter. Und dann sage ich, sie schweigen so schön, Herr Buchmann-Hain und wieder das Lächeln, dass ich hören kann. Haben sie den Regen heute gesehen, so um vier, ganz feiner Regen. Ja. Hier hat’s ihn auch gegeben. Hat fast gestochen, auf der Haut. Aber so, dass man sich lebendig gefühlt hat, sagt Buchmann-Hain, nicht erstochen, vom Regen. Und ich lächle. Und dann wünschen wir uns eine gute Nacht.
2 Kommentare:
Und dann hast du - den Mond getrunken?
vielleicht, ja. Die Idee ist mir noch nicht gekommen.
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