Donnerstag, 15. November 2007

Nachts (korrigiert)


Nachts

Manchmal vergesse ich, wie lange ich schon hier bin. Die Minuten werden zu Stunden und die Stunden zu Tagen, die sich wie Schmiergelpapier durch meine Erinnerung ziehen und nach und nach in die Bedeutungslosigkeit abgleiten. Man substituiert Leben mit Einrichtung. Sessel, Sofa, Teppich, Anrichte, Kunstdruck (billiger, als er aussieht), Stehlampe, Bücherregal. Über die Hälfte der Bücher habe ich nie gelesen. Kant, Rousseau, Sophokles. Man hält sich an all dem fest, ohne es je berührt zu haben.
Das ist komisch, nicht wahr?
Die Stadt ist die Gleiche geblieben –zumindest glaube ich das. Ich laufe ziellos, ruhelos, folge ihren Venen, die sich winden, verbinden, verästeln, verlieren. Die Fremden, die mich streifen, sind das Blut dieser Stadt. Ich bin ein Fremdkörper, vielleicht, nur eine Illusion, eine Fata Morgana.
In einem Musikvideo wäre ich der graue Fleck in einer farbigen Welt. Auch das finden Sie vielleicht komisch. Oder auch theatralisch. Nun, die Wahrheit ist, dass es mich überrascht, ja, erschreckt, wenn mich auf der Straße ein Blick trifft, der signalisiert, dass ich gesehen werde. Denn ich selbst fühle mich wie ein Schatten und bin nicht sicher, ob ich stofflich bin. Wenn ich wahrgenommen werde, prallt jemand gegen das Vakuum in dem ich mich bewege. Das macht mir Angst. Es heißt, dass ich noch am Leben bin.
Vielleicht fragen Sie sich, ob ich versuche, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, indem ich mich zu meiner Depression bekenne. Aber nein, ich versuche sie nicht „bei der Stange zu halten“. Sie müssen nicht weiterlesen. Sie würden nicht viel verpassen.
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Ich bin seit sieben Jahren in dieser Stadt. Ich steige seit sieben Jahren in die gleichen U- und S-Bahnen, gehe auf den gleichen Bürgersteigen, passiere die gleichen Gebäude und sehe die gleichen Gesichter.
Es ist seltsam, dass die Intensität der Einsamkeit in Menschenansammlungen zuzunehmen scheint. Ich kann stundenlang die Menschen an mir vorüber hasten sehen, ohne ein Wort zu sprechen oder zu hören. Umso mehr Menschen mich umgeben, umso mehr bin ich allein.
In der Menge bin ich unsichtbar.
Ich führte ein Leben, das mir heute in der Erinnerung vertrauter ist, als die Routine der letzten sieben Jahre es jemals sein könnte, weil sie so unwirklich, weil alles so falsch ist. Es fühlt sich an, als bewege man sich als Hauptdarsteller in einem Theaterstück, dessen Ausgang man nicht kennt und erwarte das Ende der Inszenierung, ohne dass es jemals käme.

Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. Mein Vater ist Franzose, arbeitslos, und lebt irgendwo bei Marseille. Meine Mutter hat sich vor etwas weniger als sieben Jahren das Leben genommen.
Es gibt keinen Grund, sentimental zu werden. Man trifft Entscheidungen, weil sie getroffen werden müssen. Konsequenzen sind unvermeidlich.
Die Diskrepanz zwischen Wissen und Empfinden ist das Entscheidende. Ich weiß, dass ich richtig handelte, als ich davon lief. Ich weiß auch, dass ich einen Menschen zurück ließ, der unsere Bindung missbrauchte, weil er allein und verzweifelt war. Ich weiß, dass dieses Verhältnis dazu bestimmt war, mich zu zerstören. Ich hasse meine Mutter nicht. Aber ich hasste mich selbst für all die richtigen Entscheidungen, die ich getroffen habe.
Anfangs führt man ein Innenleben, das einen aufzufressen droht. Soviele Empfindungen und Gedanken explodieren in einem unaufhörlichen Feuerwerk. Es erstaunt mich, wie intensiv ein Mensch empfinden kann, ohne den Verstand zu verlieren. Ich sah auf mein kümmerliches Selbst mit einer kalten Faszination hinab; all meine Reaktionen, Wünsche, Gedanken verurteilte ich, als stünden sie in keiner Verbindung zu mir.
In den Filmen zeigen sie dir, wie die Menschen weinen und schreien und ihre Köpfe gegen Wände schlagen. Ich weiß nicht, ob so etwas wirklich irgendwo passiert. Ich selbst habe mit der Zeit nur noch eine Leere empfunden. Ein großer, toter Knoten sitzt in meiner Brust, in meinem Bauch, in meinem Kopf. Ich weine nicht. Ich schreie nicht. Noch nie haben mir die Hände gezittert. Ich habe immer funktioniert.
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Was danach kam – ist nicht der Rede wert. Ich habe einige Männer gehabt und sie fort geschickt. Ich arbeitete in einem Call Center, weil die Arbeit einfach war und man mir wenig Fragen stellte. Meine Wohnung liegt ruhig, meinen Nachbarn begegne ich selten.
Es ist Freitagabend, 21.00Uhr. In der Wohnung ist es so still, dass mir scheint, ich könnte das Flackern der Schatten an den Wänden hören. Im Schlafzimmer fällt mein Blick auf die Engelsstatue, die auf dem Fensterbrett steht. Aus einem Impuls heraus öffne ich das Fenster und werfe die Statue in die Nacht. Ich habe gelogen: den sieben Jahren in dieser Stadt fehlt ein Tag, vielmehr, einige Stunden. Heute war mein letzter Arbeitstag. Es ist die Nacht auf meinen 25. Geburtstag und in ein paar Stunden werde ich tot sein.
ààà
Es ist einer dieser verdammten Freitage – einer dieser Tage, an denen es schon so spät geworden ist, dass man weiß, dass einen niemand mehr anrufen wird. Einer dieser verdammten Freitage, an denen es gleichzeitig zu früh und zu spät ist. Ich laufe die Weserstraße hinunter und trete Straßenlaternen aus. Die Autos, die hier parken, wecken in mir das Bedürfnis, sie mit einem Baseballschläger zu traktieren. Ich zünde mir eine Zigarette an, während ich den Stern vom silbergrauen Mercedes-Cabrio neben mir abbreche. „Sie, junger Mann! Was machen Sie denn da?“, etwa fünfzig Meter entfernt von mir ist eine ältere Frau aufgetaucht, die ihren Dackel spazieren führt. „Ach, halt doch die Fresse, Oma!“, schreie ich und werfe den Stern nach ihr.
Als ich am Spreeufer stehe, zeigt meine Digitaluhr 21.58Uhr an. Unter mir das leise Plätschern dieser braunen Masse, auf der anderen Straßenseite kauft eine Nutte Pommes mit Mayo im „Neptun“; ein blöde grinsender, zweidimensionaler Fischmann über ihr streckt einen Dreizack in die Höhe, dessen Beleuchtung ausgefallen ist. Autos mit getönten Scheiben gleiten vorüber. Die Straßenlaternen tauchen alles in ein gelblich-braunes Licht. Ein paar grell geschminkte Kinder mit zerpiercten Gesichtern streifen mich wie eine Handvoll Gespenster.
Ich stolpere durch die Straßen, bis ich ein Kiosk gefunden habe. Ich kaufe eine Flasche Whiskey, öffne den Verschluss der Flasche und beobachte meine Hand, die eine 180Grad Drehung beschreibt. Braune Flüssigkeit läuft in den Rinnstein.
Ich will mit jemandem sprechen. Jemanden anschreien und schütteln und so laut „Scheiße!“ brüllen, dass alle ihre verdammten Fressen halten. Nicht nur die Oma, nicht nur die Mercedesfahrer, nicht nur die Zuhälter. Alle sollen ihre verdammten Fressen halten. Ich weiß nicht, wohin mit mir, so groß und unbeschreiblich ist dieses Gefühl, das sich in jeder Körperfaser zu verfestigen scheint.
Ich bleibe stehen, setze die Flasche an und plötzlich fällt eine Keramikfigur direkt vor meine Füße und zersplittert. Im Haus neben mir schlägt jemand ein Fenster zu.
Mein Puls beschleunigt sich, ich gehe hinüber und drücke meine flache Hand auf das Klingelbrett.
Es knackt in der Freisprechanlage. „Wer ist da?“.
„Der, der dir gleich die Fresse poliert“, höre ich mich sagen. Zu meiner Überraschung summt es und ich öffne die Tür, renne die Treppen hinauf, nehme zwei Stufen auf einmal und kremple meine Ärmel hoch.
„War keine Absicht“, sagt sie. Aber so einfach ist das nicht. Die Anspannung streichelt wie ein Fieber über meine Haut. „War keine Absicht? War keine Absicht???“, schreie ich. Ich stürme an ihr vorbei in ihre Wohnung und greife nach einer Vase mit Lilien, die auf dem Tisch steht. Ich reiße das Fenster auf und brülle „weißt du, was da alles passieren kann?“. Noch während ich aushole, um die Vase zu werfen, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie jemand um die Ecke biegt. Es ist zu spät. Die Vase knallt einer Prostituierten vor die Füße, die laut aufschreit. „Ihr verfickten Hurensöhne! Ich zeig‘ euch an!“, „Das kann passieren…“ „..Emily..“ „…und viel Schlimmeres!“ „Ach fickt euch doch, ich hoffe ihr verreckt ihr scheiß Arschlöcher, euch werd ichs…“ „Und deshalb, Emily, wirf niemals..“ „ …schon zeigen, euch werd ich..“ „…eine Statue, eine Vase, einen Teller oder sonst was aus dem Fenster, verdammt noch mal…“ „..fertig machen, darauf könnt ihr euch verlassen, ihr…“ „..weil das scheiß gefährlich ist, hast du kapiert?“
Während die Nutte zetert und ich das Fenster schließe steht Emily nur wie versteinert neben mir. Ihre Augen spiegeln die flackernden Kerzen, die durch den Windzug verlöschen.
Ich gehe in ihre Küche und öffne ihren Kühlschrank. Im Regal steht eine Flasche Wein. „Hey…ich..tut mir leid, aber..“, „deine Entschuldigung kannst du dir sonst wohin stecken, hörst du?“. „Könnten Sie bitte meine Wohnung verlassen?“, „Nein. Du machst jetzt den Wein auf und setzt dich hin.“, höre ich mich sagen und meine Bestimmtheit verwundert mich und ist mir doch gleichgültig, als beobachte ich mich selbst wie einen Fremden.
ààà
Mein Herz rast. Dieser Typ sitzt an meinem Küchentisch und will nicht gehen. Ich kann nicht die Polizei rufen. Ich muss ihn irgendwie loswerden. Mir ist so schwindelig, ich scheine von Minute zu Minute betrunkener zu werden. 25 Tabletten schwimmen in einem Meer aus Rotwein. „Wollen Sie Geld?“, „Setz dich und mach die Flasche auf“. „Ich habe Geld, kein Problem, ich…“, „du trinkst jetzt den verdammten Wein mit mir, Emily“.
Ich weiß nicht, wie ich es schaffe, so ruhig zu bleiben. Draußen schreit immer noch diese Frau herum. Ich fühle mich so müde. Wir trinken Wein und schweigen. Ich trinke schnell, damit die Flasche leer wird. Die Schwere in meinem Kopf.. ich fange an, doppelt zu sehen und lege den Kopf auf den Tisch. „Bitte“, flüstere ich, „bitte, geh“.
ààà
Sie sieht müde aus. Irgendwie warte ich darauf, dass sie heult, aber sie heult nicht. Ich gehe aufs Klo und frage mich, warum sie nicht schon längst die Polizei gerufen hat. Ich schaue in den Spiegel und schäme mich. Was zur Hölle mache ich hier? Ich sollte gehen, irgendwohin gehen.
Dann fällt mein Blick auf eine halbleere Schachtel Medikamente, die auf der Ablage liegt.
„Was ist das Emily“, ich wedle mit der Packung vor ihrem Gesicht herum, aber sie reagiert nicht. „Emily, verdammte scheiße, was ist das?“. Emily murmelt irgendetwas, das ich nicht verstehe. Ich habe plötzlich eine scheiß Wut auf diese Frau, die ich nicht einmal kenne. „Verdammt nochmal, versuchst du dich gerade umzubringen? Hast du deshalb noch nicht die Bullen gerufen? Das kannst du voll vergessen, hörst du? So eine scheiße mache ich nicht mit! Du willst also, dass ich gehe, ja? Willst du das wirklich? Willst du an diesem scheiß Tisch verrecken?“
Ich höre mir selbst zu, wie ich lauter und lauter werde, wie mein Stimme anschwillt, die etwas herausschreit, das mit dieser wildfremden Frau gar nichts zu tun hat, da klingelt es an der Tür. Ich gehe ans Fenster und sehe: Die Prostituierte, die die Hände in die Hüften stemmt, deren verschmierter Lippenstift den Filter ihrer Zigarette färbt. Daneben parkt ein Polizeiauto.
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Emily ist so leicht und klein, es fühlt sich an, als könnte sie mir jeden Moment aus den Händen gleiten. Das gelbliche Treppenhaus wirkt surreal unter meinen gedämpften Schritten. Man kann die Wolken riechen, die aufziehen, den Schnee, der wie ein Versprechen in der Luft hängt. „Wie heißt du?“, flüstert Emily und ihr Haar fällt wie verlangsamt, verzerrt über meinen Oberarm. „Gabriel, ich heiße Gabriel“, antworte ich. „Dann bist du ein Todesengel“, sagt sie, und ich denke an die Lilien und an die Nacht und an Neptun, der nicht mehr leuchtet. „Heute nicht“, antworte ich. Dann öffne ich die Tür.

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

hi,
echt gute Geschichte.
Nur eine Frage hätte ich. Warum hat Sie Ihm aufgemacht, wo Sie doch grade dabei war ihrem Leben ein Ende zu setzen, also ich glaube, dass mir in dieser Situation ein wütender Besoffener an der Haustüre rellativ egal währe...
... oder war das so eine "Schrei um Hilfe" Aktion und Sie wollte gerettet werden?

nora hat gesagt…

weder noch, würde ich sagen.

ich fände es nicht verwunderlich, jemandem zu öffnen, den ich gerade fast mit einem schweren Gegenstand abgeworfen habe. eine Entschukdigung wäre doch nur fair, meinst du nicht? :)

Anonym hat gesagt…

Also stand sie wie unter Schock, weil sie fast jemanden verletzt hätte. Die gute Erziehung und das schlechte Gewissen verlangen von ihr eine Entschluldigung. Fraglich ist jedoch, ob das schlechte Gewissen sie immernoch so quält, nach dem ein Besoffener "Der, der dir gliech die Fresse poliert" (sehr autentisch) durch die Sprechanlage gebüllt hätte. Dagegen kann man alledings das Argument der Wirkungsweise des Rotweins (mit den 25 Tabletten) halten. (na toll... ich nehme mir selbst den Wind aus den Segeln)
Sorry ich will deine Story nicht auseinandernehmen. Das hab ich schon damals in der Schule gehasst.

Ich kann sie verstehen, was aber nicht heißt, dass ich mich mit ihrem Handeln identifizieren kann.
Danke.

p.s. offene Enden sind cool

DanielSubreal hat gesagt…

Jetzt hab ich auch eine Diskrepanz zwischen Wissen und Empfinden...

DanielSubreal hat gesagt…

Jetzt hab ich auch eine Diskrepanz zwischen Wissen und Empfinden...

nora hat gesagt…

oha?

DanielSubreal hat gesagt…

sorry, falsch ausgedrückt. ich habe zahlreiche diskrepanzen dieser art. in der tat eine wunderbare unterscheidung und wie fruchtbar! was mach ich nur mit all diesen Diskrepanzen?! ...sber wissen Sie, dass das Gewissen da immer eine Blockade weiterführender Gedanken errichten will? Gruselig! Doch wenn man das Gewissen an sich selbst anschließt, dann kanllt es schön laut und sprüht dann erstaunlich viele Funken. Und statt Bissen produziert nun endlich Dämmerflutlicht. Das macht ein paar neue Diskrepanzlinien sichtbar, deren Form auf der Folie meiner Netzhaut ein wenig der von Fraktalen gleicht...