Sonntag, 2. September 2007

In den Fängen der Saufkultur


Seit numehr 5 Jahren beschließe ich immer wieder aufs Neue, dieser Veranstaltung nicht beizuwohnen. Tage, ja, wochenlang echauffiere ich mich mit gleichgesinnten Freunden über die Banalität und Sinnfreiheit dieser Veranstaltung, über deutsche Saufkultur und das Wiedertreffen von Menschen, die man am Liebsten auf dem weitentlegensten Kontinent wüsste. Und dann... und dann... ja dann geschieht das Unfassbare, eigentlich Unverantwortliche, und doch zumeist irgendwie Unvermeidliche: ich besuche diese Veranstaltung und zuweilen - auch wenn es mir sehr schwerfällt, das zuzugeben - macht es auch noch Spaß. Aber greifen wir nicht vor.

Die Hessen sind zuweilen recht eigentümlich. Nicht nur äußert sich das in teils weit über die Schmerzgrenze hinausgehenden Ausdrucksweisen, wie der unstrittig belastenden Konstruktion "der wo gesagt hat", sondern auch in von mir bereits einmal angerissenen Ausrufen in weitaus heikleren Zusammenhängen. Ebenso eigentümlich sind die hessischen Volksfeste im kleinstädtischen Millieu. Nun bin ich aber - unglücklichlicherweise mag so mancher bemerken - in einem ebensolchen aufgewachsen. Das größte Unglück war aber wohl kaum dieser Umstand, sondern vielmehr meine eigentliche Heimat: Der Prenzlauer Berg. So recht bin ich nämlich nie von "meinem Berlin" losgekommen, und meine werten Erzeuger erst recht nicht. Das Ergebnis ist eine mehr schlechte als rechte Integration in der südhessischen Weinlandschaft und ein ausgeprägtes Unzugehörigkeitsgefühl. Besonders deutlich -umzu erklären, warum ich auf diese Dinge eingehe - scheint sich für mich diese Unzugehörigkeit bei solcherlei Veranstaltungen zu zeigen, die als regelrechtes Event in der stievmütterlichen Heimat Bergstraße stattfinden.
Dort trifft sich Hinz und Kunz; idealerweise sieht man all diejenigen wieder, die man über die Jahre aus den Augen verloren hat (aber vielleicht nicht immer ohne Grund..), suboptimalerweise ist aber auch eines garantiert: all die Nasen, die man im allabendlichen Ausschlussgebet beschworen hat, möglichst bald das Land zu verlassen, erscheinen mit gruseliger Regelmäßigkeit im Blickfeld und bestechen durch nervigen Kommunikationsdrang. Unliebsame Exfreunde, längst verweste und verendete Freundschaften, alte Rivalen und nicht allzu selten ehemalige Herzensverstümmler mit der neuen Liebsten.
Gelingt es, sich von den Massen zu lösen, so bildet sich eigentlich allgemein nur folgender Eindruck heraus: hier versammeln sich tausende von Menschen, verstopfen die Innenstadt, trinken, bis der Arzt kommt und führen ein "Ach du auch hier" Gespräch nach dem anderen. Da wird gestolpert, gesabbert, gegröhlt und gestammtischt und nicht selten in den Blumenkübel gereiert, dass es der Stadtreinigung ein wahrer Graus ist.
Abschließend stellt sich mir nur eine einzige Frage: Worauf zur Hölle will ich hinaus?
Ich weiß es nicht, nur eins ganz sicher: ich hoffe zum Wohle meiner mentalen Gesundheit, dass ich im nächsten Jahr etwas Besseres zu tun habe, oder mich abschließend nur in einem bestätigt sehe: es war gut, diesen Ort hinter mir zu lassen.

3 Kommentare:

F hat gesagt…

In meiner Geburtsstadt trifft man sich am zweiten Weihnachtstag abends im Hinterraum einer bestimmten Kneipe. Jedes Jahr nehme ich mir vor, nicht hinzugehen. Und irgendwie drängt es aber immer. Da bleibt nur die Zwickmühle, entweder zu denken, man habe was verpasst, oder hachherrje, war das Scheisse. Im besten Fall war es dann ganz gut, man hat einen vergessenen lieben Freund wieder gefunden, unterhält sich angeregt den halben Abend, gibt sogar seine Emailadresse raus und freut sich hinterher, heil nach Hause gekommen zu sein.

F hat gesagt…

Nachtrag: Und der vergessene, liebe Freund zieht Dienstag nach München und man kann ihm helfen, hier heimisch zu werden, und selbst in Maßen eigene alte, nette Gefühle aufwärmen. Ein bisschen. Oder so.

Scheibster hat gesagt…

Vier Tricks bei solchen ländlichen Volksfesten:

1. Alkohol.

2. Die blöden leute ignorieren oder mit unerwarteter Nettigkeit in den Wahnsinn treiben.

3. Sich über die netten Leute freuen.

4. Mehr Alkohol.

Schönes Wochenende! :-)