
Wahrheiten hängen wie große Poster an der Wand, mit alten oder neuen, vergilbten oder weißen Ecken. Sie sind wie alte Gegenstände, die – nie ver-rückt – unsichtbar werden. Und dann beweist unser großes Schweigen, dass wir wissen.
Lass mich ein Bild malen, von einem Haus. Es ist ein schönes, weißes Haus, mit Fensterbrettern aus Holz und einem Vorgarten. Vor diesem Haus, da stehe ich, und hämmere mit Fäusten gegen die verzierte, weiße, die wundersam weiße Eingangstür. Ich trete gegen diese Tür. Ich weine. Ich schreie und jammere, wimmere und zittere. Meine geballten Fäuste, wie die eines kleines Kindes, trommeln und schlagen, krachen und knacken an dieser schweren, schweren, wundersam weißen Tür. Und dort, am Fenster, da gehen Menschen vorbei. Vertraut, sehen sie aus. Dort, am gardinenlosen Fenster in einem warmen Haus mit gelben, so gelben Lichtern. Lächeln die Menschen? Ja. Sie – schauen zufrieden aus, wie sie so am Fenster vorbeiflanieren. Vielleicht geht hier draußen, bei mir, ein Sturm los, und meine kleinen Fäuste, die hämmern und rütteln, schütteln und schlagen, und meine Stimmbänder vibrieren in einem Tremolo aus Agonie. Und die Menschen? Sie flanieren vorüber und lächeln und vielleicht hören sie Mozart. Ja. Mozart ist schön.
Die Zeit hat meine Wunder nicht geheilt, ich gehe über alten Asphalt und meine Augen kugeln herum, in ihren Höhlen, blinzeln und erschrecken, vor soviel Zeit. Auf wie viel Zeit wir gehen! Dort, unter dem Asphalt, da liegen die Gedanken und Träume, die Ängste und Schweißtropfen so vieler – und über sie haben wir betoniert.
Dann stehst du am Fluss und all die Gedankenmassen, die sich verdichten. Wie viel hier gedacht worden ist! Stell dir das Gemurmel vor, stell dir vor, Gedanken sind eine bläuliche Masse, stell dir vor, wie sie über der Erdkugel schweben und sich verdichten und sich verdichten. Geh durch die Einkaufspassage, stadt-neurotisch, einsam, stell dir vor, all diese Gedanken, all diese Schritte, all diese Pläne und Träume seien Masse. Stell dir das Raunen, das Murmeln, die unglaubliche Kraft vor. Es ist ein Zauber dort, ein unfassbarer Zauber. Und wir? Wir nennen ihn einkaufen gehen, und S-Bahn fahren. Nein, das ist verrückt, nicht wahr?
Nun muss ich rennen, immer weiter gehen und mich nicht umsehen. Lass mich dir ein Bild malen, von einer Straße. Nacht ist es, und feucht sammeln sich kleine Wassertropfen auf dem bemoosten, glitschigen Kopfsteinpflaster. Straßenlaterne mit großen Schirmen, die ein oranges Licht verbreiten, gedämmt, die stehen zur Rechten und zur Linken. Die Straße ist nur einige Meter breit. Fünf? Sagen wir, es seinen fünf Meter. Aber lang ist die Straße! Ihr Ende verliert sich am Horizont. Nasskalt und dunkel läufst du auf diesem Pflaster, deine Schritte hallen in der Stille unnatürlich laut wieder. Wie ein – grobes, ein falsches Geräusch. Auf beiden Seiten der Straße stehen alte, morsche Häuser, braun und grau und etwas orange durch die Laternen. Ihre Dächer sind zerfallen, bemoost, es ragen lose, morsche Dachbalken gen Himmel. Alle Fenster und Türen sind vernagelt, mit alten, schiefen Brettern, rissigen Balken, rostigen Nägeln. Die Häuser gleichen einander so – und wenn du dich umblickst, dann siehst du, dass der Weg, den du gekommen bist, ebenso aussieht wie derjenige, der vor dir liegt. Dunkelheit umfängt dich, die Feuchtigkeit dringt dir in die Glieder. Ein merkwürdiges Gefühl schleicht sich in deinen Magen ein, jeder Faser möchte aus ihrem Platz springen. Du spürst, dass etwas hinter dir ist. Irgendetwas, dass du nicht sehen, nicht hören, nicht riechen kannst. Irgendetwas, das hinter dir her ist und dich langsam, so langsam nur einholen wird. Und dass du dich nicht verstecken kannst. Du beginnst zu rennen, schneller und schneller, wie Pistolenschüsse hallen deine Schritte auf dem nassen Asphalt, dein Atem rasselt in die Stille hinein. Und die Straße endet nicht. Sie endet nie. Nein.
Nun stell dir vor, dein Alltag ist der Marathon, den du läufst, gehetzt, von einem Tag zum anderen, dass die Zeit dich nur nicht einhole. Und so vergehen deine Tage.
Und doch weißt du, im Windschatten sind kleine Tiere, und wenn du nicht läufst… und wenn du nicht läufst…
Und irgendwann, so hoffst du, wirst du langsamer werden, vielleicht, eines Tages, stehen bleiben können und dich umblicken.
Vielleicht irgendwann eine Kornblume pflücken und nicht nur Bilder von ihr malen. Vielleicht. Irgendwann. Bestimmt.
2 Kommentare:
Nach dem Laufen kommt das Fühlen. Auch wenn die Zehen dabei abgestorben sind. Dann ist das Fühlen halt nachgelagert.
..oder abgestorben?
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