QuelleHaben Sie Angst vor dem Aufwachen? Wenn in diesem dämmerigen Licht die Stimmen versiegen und versagen und Sie sind nackt, und dann, der erste, der neuerliche, der furchtsame Blick zur Decke, und die Vokabel fremd durchdringt das Gemüt mit einer eisigen Gewissheit, dass die gurgelnde, die fröstelnde Wahrheit in Ihrer Kehle sich Ausdruck verschaffen will, schreiend, wo bin ich? Dass Sie plötzlich die Luft ausstoßen, als sollten Sie an ihr ersticken, sich vergiften und Sie können den Tag nicht benennen und die Stunde nicht und Sie wissen, Sie wissen einfach nicht mehr, wer Sie sind, und was Erinnerung ist und in diesen lähmenden Sekunden, diesem Abgrund, der sich endlos vor Ihnen auszudehnen scheint, hinein fällt ein Tropfen sonderbarer Gestalt, in der Stille dehnt sich der Geist, verzerrt sich der Blick und mit einem Male, einer stillen, einer geisterhaften Implosion, fallen Sie auf sich selbst zurück, wirft es Sie zurück auf einen kalten Boden Realität. Und es ist – vorüber.
Hier fahren wir, entlang dieser Mohnblumenstraße, in einem Licht, das erinnert, an dieses blendende, dieses gleißende Südfrankreichlicht, dass man einen Van Gogh plötzlich ganz und gar in seiner Raserei zu verstehen meint. Barfüssig sind wir, und gestrandet, und um uns herum ein Grillenkonzert – sind es nicht die Cigalons? Und wir fahren weiter, wohin, das wissen wir nicht, und auch nicht, woher wir gekommen sind.
Die Minuten sind wie ein umgestülptes Glas Imkerhonig.
Ich betaste seine Nase, diese knöcherne, ebenmäßige Nasenwurzel, dieses Wunder von Nase, bis ich die Bedeutung des Wortes nicht mehr greifen kann, bis sich mir „Nase“ ganz und gar entzieht. Judith lacht. Schallend lacht Judith. Judith. Judith. Judith trägt ein Kopftuch, das ihr dünnes Haar wirr werden lässt. Ein bisschen grotesk, denke ich dann, manchmal, wenn ich mich ausstrecke und nur atme und einen Blick, so ein millionstelsekunden Standbild, erhasche, wie sie, so grell, so laut, wie sie so lacht. Judith.
Dann kommt die Stadt mit ihren wehenden Fahnen und wir atmen Metall und Mistral. Ein Gebrüll, ist das, aus tausend Kehlen, ein Hupkonzert, und eine erwartungsschwangere Ungeduld, die sich auf unsere Gesten überträgt. Manu, Manu und seine Nase, die recken sich mir entgegen als wollten sie sagen, „na?“ und ich glaube zu lächeln und etwas verschiebt sich in die vage Bedeutungslosigkeit in meinem Gesichtsfeld.
Staubig, ein Bücherregal, und nur, wenn man etwas heraus nimmt, dann kann man sich überzeugen: keine Attrappen. Wir liegen,zu viert auf dem Boden ausgestreckt, sprechen von uns, als ein Pentagramm. Der Rauch kondensiert. Kondensierender Rauch. Kondensiert an der Decke. Der Rauch. Wer raucht? Wer raucht. Wer raucht kondensiert an der Decke. Staubflocken. Judith lacht. Ein Würgen in meiner Kehle, ein aufsteigendes Bild dieses jungen Mannes, der mir in seinem kleinen Geschäft –Tanzende Staubflocken, unser Atem ist ganz und gar nicht verbraucht – und dann stehe ich in einem kleinen Gebigsstrom, und weiß, es ist nur ein morsches Geländer, das da meine Hand umspült. Wenn ich den Blick schnell genug wende, nicht verharren lasse, dann ist alles etwas gelb, im Treppenhaus, auf dass sich eine bleifarbene Dämmerung senkt. Und wieder: ich meine, sie hören, sie schmecken zu können, diese Südfrankreichgrillen. Unwillkürlich, Manu und ich, wir lachen. Und er küsst mich. Und Judith. Und Till, schüttelt den Kopf, so rasch, ich kann nur noch Bewegung sehen.
Der Platz füllt sich mit Menschen, grün ist es hier, euphorisch. Judith und ich, wir sitzen vor diesem Toilettenwagen und beobachten und plötzlich ist es schon Nacht.Die anderen kann ich nicht mehr sehen, überall Körper und Geist, verstreut auf grünem Fundament, dicht an dicht gedrängt, beieinander. Wir brauchen uns nicht mehr als etwas anderes, dessen Namen man vergessen hat.
Und dann: die Musik, die mich von den Beinen wirft, mir den Atem nimmt. Eine Wand aus Schall, die über mich hinweg fegt, bald vordringt und gegen mein Wollen, mein Biegen und Winden, mich in sich aufnimmt und dann sind wir nur noch ein Körper aus Ton, ein körperlicher Ton, ein musikalischer Körper und ich höre mich etwas rufen, aber ich weiß nicht mehr, was es ist. Eine Welle aus Schall, ein vibrierender Klangkörper, viele kann ich weinen sehen. Kann man sich – Ausdruck verleihen? Mir ist, als würde sich etwas in mir öffnen, als würde eine aufgedämmte Springflut in mir, sich losreißen, von Tang und Sumpf, nicht mehr zu sprechen. Und dann merke ich, dass ich weine, dass ich so weine, weil es kein heute mehr gibt und kein gestern und weil nun alles ausgelöscht ist und meine Nervenbahnen, elektrisiert, aufheulen und wispern: zu viel, zu viel.
Und plötzlich, da hört man nur noch vereinzelte Nylon- und Stahlstimmen, die leise, melancholische Lieder anstimmen, beinahe: flüstern, und wir starren ins Feuer, wie betäubt, wie seelenlos. Etwas ist aus uns heraus gerissen.
Erdbeermund, sagt er, Erdbeermund, du siehst Sterne, und ich sage ja, ja, es sind vergessene Sterne und ich weiß nun, dass ich doch sprechen, artikulieren möchte, herausschreien ... aber ich weiß nicht mehr, was es ist. Und seine himmelblauen Augen schwimmen im Meer und sein Hals ist salziger, sonnengewärmter Abendstein, aber sein Arm, der kann mich nicht erreichen. Ich bohre mit dem kleinen Finger im Knieloch seiner zerrissenen Jeans, und ich sage Cobain zu ihm, und sehne mich nach etwas, das ich gar nicht begreifen kann und mit einem Mal ist er mir fremd und alles ist fremd und getaucht in eine graue, eine hoffnungslose Verlorenheit und ich dränge mich dichter an sein wärmendes Fleisch und ich öffne die Augen und alles ist doch nur noch Mond und mein Innerstes, im letzten verzweifelten Aufbegehren, das verlangt, zerreißt an dem Wunsch. Und dann muss ich fort und schwankend auf die Füße, laufen, weg von diesen kalten Händen, weg von dieser existenziellen Bedrohung, diesem Verlorenen, Vergessenen, Tiefvergrabenen, Tiefverwurzelten.
Und wir fahren weiter, und Judith lacht, lacht – so schrill, und hat etwas Groteskes. Und wir zählen die Sandkörner und wir wissen, dass es kein Zurück gibt, nur einen langen, langen Weg.
(Juni 06)
3 Kommentare:
Intensiv. Sehr intensiv! Um nicht zu sagen: fast schon zu intensiv... aber schön!
Raps, nicht Mohn. Aber sonst: Ja.
gelb, immerhin
Kommentar veröffentlichen